Nordkap-Skurrilitäten: Von schlaflosen Tag-Nächten, einer sich versteckenden “Sau” und einem Markusplatz-Moment

Wer braucht schon Schlaf, wenn man stattdessen 24 Stunden Tageslicht und nächtliche Ruhestörungen haben kann? Ich weiß ja nicht, was mit den Menschen in diesen hellen Nächten los ist, aber das Konzept von „Nachtruhe“ scheint hier im Sommer komplett flexibel interpretiert zu werden. Während draußen die Proleten mit aufgedrehter Musik durch Hammerfest cruisen und die Sonne um zwei Uhr morgens munter durch ein Fenster, das sich nicht richtig verdunkeln lässt, scheint, liege ich hellwach im Bett. Geschlafen habe ich hier noch nicht wirklich gut. Mein Zeitgefühl ist völlig im Eimer und die innere Uhr kapituliert vor der Dauersonne. Christian scheint da völlig „unbehelligt“. Er schlummert friedlich vor sich hin, während das halbe Hotel im Takt der Bassboxen bebt, und ich mich mit meinen nutzlosen Ohrstöpseln frage, ob ich nicht einfach aufstehen und fotografieren gehen soll (ich habe ernsthaft schon darüber nachgedacht).

Wir sind dann zum Frühstück gegangen, wo es ja geheißen hat, es gibt eingeschränkten Service. Ich habe da jetzt nicht wirklich eingeschränkten Service erkannt, weil wir haben sogar Eierspeis, Würstel, Baked Beans etc. bekommen, also war eigentlich ganz ok.

Dann sind wir als allererstes noch kurz zur Kirche, weil die gestern nicht offen gewesen ist. Die Kirchen hier haben alle sehr schöne Glasfenster. Unsere erste Sehenswürdigkeit, zu dem wir heute mit dem Auto hingefahren sind, war der Struve-Bogen. Das ist ein Meridian-Vermessungspunkt. Es geht um die Vermessung der Erde. Es hat irgendetwas mit Dreiecken zu tun, aber ganz verstanden habe ich es bis jetzt noch nicht. Wer da gerne nähere Informationen möchte, soll sich nicht an mich wenden, sondern vielleicht eher googeln. Danach sind wir zu dem Aussichtspunkt über Hammerfest gefahren. Wir hätten auch hinaufhatschen können, aber wenn wir eh schon mit dem Auto unterwegs waren, wäre das ja unsinnig gewesen. 😉 Ihr wisst schon, was ich meine. Die Sonne ist dann auch ein bisschen herausgekommen, aber man muss halt einfach sagen, wie es ist: Schöner wird Hammerfest einfach nicht mehr. Ich bin da gewesen und ich werde auch nie wieder kommen.

Dann haben wir uns auf den Weg zum Nordkap gemacht. Auf dem Weg haben wir immer wieder Rentiere getroffen, die auf oder neben der Straße herumgeschlendert sind. Die sind richtig süß! Sie sind eher weiß und eigentlich sehr gemütliche Viecherl. Die springen nicht so abrupt auf die Straße, dafür bin ich ihnen wirklich sehr dankbar.

Wir durchquerten den sieben Kilometer langen, unter Wasser verlaufenden Nordkaptunnel, der das Festland mit der Insel Magerøya und dem Nordkap verbindet. Zuerst geht es mit einer Steigung von 9% nach unten und dann mit etwa der gleichen Steigung wieder nach oben. Die tiefste Stelle des Tunnels liegt 212 Meter unter dem Meeresspiegel und dort kann es neblig sein (war bei uns allerdings heute nicht so). Wir sind dann bei fetzblauem Himmel mit Sonnenschein am Nordkap angekommen und haben dort unsere Erkundungstour begonnen.

Zuerst muss man aber überhaupt einmal bezahlen, um parken zu dürfen. Doch mit dem Parkticket allein ist es nicht getan: Man braucht zusätzlich ein sogenanntes Outdoor-Ticket. Das heißt im Umkehrschluss wahrscheinlich, dass man ohne diesen Extra-Obolus nicht einmal auf dem kahlen Felsen herumlaufen darf.

Und wer dann noch auf die Idee kommt, dem eisigen Wind zu entkommen und sich bei einem heißen Kaffee aufzuwärmen, reibt sich erst recht verwundert die Augen. Das Kaffeehaus befindet sich nämlich in der Nordkapphallen – einem riesigen Besucherzentrum, das größtenteils im Felsen vergraben ist. Wer hier hineinwill, um das Postamt, das Restaurant oder das Kino zu nutzen, muss ein kombiniertes Museums- und Ausstellungsticket lösen. Kostenpunkt: satte 35 Euro pro Person, nur um überhaupt die heiligen Hallen betreten zu dürfen! Das Ticket gilt dann zwar theoretisch für 24 Stunden, aber die Zimtschnecke drinnen ist im Preis natürlich trotzdem nicht inbegriffen. Christian hat diese Erfahrung so kommentiert: “Das war unser Markusplatz-Moment am Nordkap.”

Wir haben dann also so etwas wie Kaffee getrunken, uns brüderlich eine Zimtschnecke geteilt und versucht, uns so gut wie möglich aufzuwärmen. Während wir da so gesessen sind, konnten (oder mussten) wir einem deutschen Touristen beim Telefonieren zuhören. Er hat offenbar mit jemandem telefoniert, der schon mal am Nordkap gewesen ist als es dort eine “Schlange bei der Kugel” gab. Der Deutsche: “Da ist keine Sau an der Kugel.” Fand ich natürlich lustig und habe ein Foto gemacht und mit der Geschichte an meine Familie geschickt. Darauf kam folgende Message von meinem Schwager Simon: “Da hat sich links unter dem Geländer aber eine “Sau” reinversteckt.” Danke für diesen Lachflash! Ich lach mich noch immer krumm und scheckig. Christian meinte gerade, ich solle Bescheid sagen, wenn er mich wiederbeleben soll.

Und weil man bei diesem Eintrittspreis natürlich jeden Cent ausnutzen muss, haben wir uns auch noch brav den angebotenen Nordkap-Film angeschaut und ein bisschen im Souvenirshop gestöbert. Wenn man schon mal da ist, nimmt man eben das volle Kulturprogramm mit!

Hier noch ein paar Fakten (von Gemini zusammengefasst, Angaben ohne Gewähr):

  • Die magische Koordinate: Das Nordkap-Plateau liegt auf 71° 10′ 21″ nördlicher Breite. Es ragt stolze 307 Meter fast senkrecht aus dem Eismeer empor. Wenn man dort steht und nach Norden blickt, kommt bis zum Nordpol (der noch etwa 2.100 Kilometer entfernt ist) nur noch die Inselgruppe Spitzbergen.
  • Die große Geografie-Lüge: Das Nordkap wird zwar als der nördlichste Punkt Europas vermarktet, ist es aber streng genommen gleich doppelt nicht! Erstens liegt es auf einer Insel (Magerøya) und nicht auf dem Festland (das wäre Kinnarodden). Zweitens streckt sich die benachbarte Landzunge Knivskjellodden noch etwa 1.400 Meter weiter nach Norden. Aber ein flaches Kap wandert sich eben schlechter auf Postkarten als eine epische, 300 Meter hohe Steilwand.
  • Der Namensgeber: Seinen Namen verdankt das Kap dem englischen Seefahrer Richard Chancellor. Er umschiffte den Felsen im Jahr 1553 auf der Suche nach der legendären Nordostpassage (einem Seeweg nach Asien) und taufte ihn schlicht „North Cape“.
  • Dauersonne pur: Die Mitternachtssonne gibt sich hier die Klinke in die Hand. Vom 14. Mai bis zum 29. Juli geht die Sonne am Nordkap kein einziges Mal unter.

Durchgefroren haben wir uns dann auf den Weg nach Honningsvåg gemacht, aber zum Glück hat Trygve Sitzheizung. Unser Hotel ist das günstigste unserer Reise, aber es ist größer als die Sardinendose gestern. Kleiner Wermutstropfen: Es gibt keinen Lift. So hat der arme Christian die schweren Koffer in den ersten Stock schleppen müssen – aber zumindest nur in den ersten Stock.

Dann haben wir noch einen kurzen Spaziergang durch den Ort gemacht, haben den Postkasten gesucht und werden uns jetzt noch ein bisschen entspannen, denn morgen fahren wir wieder zurück nach Alta. Das heißt, wir sind morgen wieder um die 3 Stunden im Auto unterwegs. Aber die Aussicht, dass wir bald auf den Lofoten sind, motiviert uns.

Lexe & Christian

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